Kurze Antwort auf Jochen Stay
Hallo Jochen,


deine Mail (siehe unten) ist reichlich spät eingetroffen, deshalb können wir - jedenfalls vorm Klimacamptreffen jetzt am Wochenende - leider nur knapp antworten, auch wenn es uns eigentlich in den Fingern juckt, mehr (und ebenfalls zugespitzt) zu schreiben:

1. Selbst wenn es so wäre, dass die VerfechterInnen des so genannten Mehrsäulencamps unedle Motive wie Neid, Missgunst etc. umtreiben, so sagt das noch lange nichts über die etwaige Gültigkeit der ins Feld geführten Argumente aus - inbesondere der These, dass mehrere (nicht aufeinander abgestimmte) single-issue-events im Jahr 2008 keine angemessene (und somit nachhaltige!) Antwort auf das enorme politische Potential sind, welches durch die spektren- und bewegungsübergreifende G8-Mobilisierung entstanden ist.

2. Dass du ausgerechnet antirassistischen Zusammenhängen nachsagst, sie kämen mit dem Umstand etwaiger politischer Marginalisiertheit nicht zurecht, ist fast schon ein bisschen komisch. Denn auch wenn sich antirassistische Aktionen innerhalb der (bewegungspolitischen) Linken gemeinhin hoher Zustimmung erfreuen, so ändert das doch nichts daran, dass die antirassistische Linke schon lange ein eher bescheidenes (und trotzdem umtriebiges) Dasein fristet. Insofern ist auch völlig unstrittig, dass single-issue-Organisierung unumgänglich ist - das haben wir auch immer wieder betont. Allein: Jede Bewegung - ob groß oder klein - wird über lange Sicht ein zahnloser Tiger bleiben, so denn sie nicht gleichzeitig sowohl aktionistisch als auch thematisch den Brückenschlag sucht.

3. Und noch etwas: Du solltest die crossover-Bemühungen anderer Bewegungen ungleich ernster nehmen - unabhängig davon, wie du selbst dazu stehst. Oder glaubst du wirklich, dass Teile der antirassistischen Linken einzig deshalb schon seit Jahren an diesbezüglichen Optionen rumwerkeln, um nicht irgendwann im Schatten der allmächtigen Klimabewegung unterzugehen?!? Beispielhaft seien - jenseits von G8 - die beiden "kosten-rebellieren"-Konferenzen in Dortmund und Hamburg genannt (wo es um Arbeit, Migration und Prekarisierung gegangen ist), diverse Euromaydayparaden oder die aktuelle (von medico, attac, IG-Metall, greepeace und kein-mensch ist illegal getragene) Initiative zu globalen sozialen Rechten.

4. Dass Heiligendamm ein "unscheinbarer Einheitsbrei" gewesen sei (wie es deine Zeilen nahelegen), ist unseres Erachtens grob vereinfachend. Klar, in den mainstream-Medien ist wenig rumgekommen (damit hat sich auch Gregor Samsa von NoLager Bremen in seiner Heiligendamm-Auswertung ausgiebig beschäftigt), daraus jedoch den Schluss zu ziehen, dass mensch fortan die Finger von multi-issue-events lassen sollte, ist weder logisch noch zwingend - vor allem verkennt es, dass Beachtung in den Mainstream-Medien nicht alles ist. Worauf es vielmehr ankommt, sind etwaige Rückkoppelungseffekte zwischen Mainstreammedien und kritischer (Bewegungs)Öffentlichkeit.

5. Richtig schräg ist in unseren Augen, dass du bereits jetzt die so genannte Gewaltfrage aufwirfst und damit eine Ablehnung von Hamburg als möglichen Ort des (koordinierten) Kompromisses begründest. Denn aus den Erfahrungen der Antiatom-Bewegung weißt du ganz genau, dass mensch diese Frage nicht geografisch bzw. technisch lösen kann, sondern dass nur der gemeinsame politische Prozess zu Lösungen führt, mit denen alle einverstanden sind. Davon ab untergräbt deine (säbelrasselnde) Argumentation die Bemühungen all derer (und wir behaupten: dies ist die Mehrheit der aktiv an der G8-Vorbereitung Beteiligten), eine multiperspektivische Auswerwertung der Ereignisse am 2. Juni vorzunehmen - und das natürlich auch im Hinblick darauf, was zukünftig bei gemeinsam verantworteten Großevents besser gemacht werden könnte.

6. Last but not least: Die Selbstverständlichkeit, mit der du die Klimafrage quasi zum Eigentum der am ersten Klimacamptreffen Beteiligten erklärst, ist eigenartig. Deshalb in aller Deutlichkeit: Nur die Minderheit der die Mehrsäulen-Initiative lanciert habenden Gruppen ist Teil antirassistischer oder anderer (mehr oder minder neiderfüllter) Zwergenzusammenhänge. Das gilt im übrigen auch für uns: Bei aller Verwurzelung in der antirassistischen Bewegung - so denn es ums Klimacamp geht, haben wir bereits ein ganzes Wochenende hinter uns, bei dem es nicht zuletzt um die Frage ging, ob und wie wir uns mit der Thematik "Supermärkte, industrialisierte Landwirtschaft und Migration" am Klimacamp beteiligten könnten. Jochen, du hättest mit anderen Worten besser getan, dich ernsthaft auf unsere Beiträge einzulassen, anstatt entpolitisierende Motivforschung zu betreiben!

In diesem Sinne bleibt uns nur der Wunsch, dass über das Wie & Wo des Klimacamps nicht bereits jetzt, sondern erst im Anschluss an die Perspektiventage im Januar entschieden wird.

Herzliche Grüße,

NoLager Bremen (Dezember 2007)

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